MEERESMETAMORPHOSEN

„Die endlose Weite der Meere steht für den Freiraum, die Geborgenheit und den Standpunkt des Künstlers, denn wir alle brauchen eine Rückzugsmöglichkeit, die im Einklang mit der Natur stehen sollte und nicht ohne sie.” (Sophie)

„Die endlose Weite der Meere” - in den Bildern von Sophie scheint sie visualisiert und veranschaulicht. Und doch irritieren die Titel wie „Abendgesellschaft” oder „Chauffeur und Golfspieler”. Die „Abendgesellschaft” lässt an eine Versammlung von Menschen in einem Interieur denken oder auch im Freien, nicht aber im Meer. Und auf dem Bild mit diesem Titel gibt es auch keine gesellige Versammlung. Schwarz und Blau dominieren die Komposition, mit Ölfarbe sehr sorgfältig getupft, die fast ohne Menschenhand aufgetragen zu sein scheint, so perfekt wird die Chromatik strukturiert.
Sie verläuft vom tiefen Schwarz bis hin zu Weiß über Blau in variablen Abstufungen. Dadurch ergeben sich Farbräume, nicht konturiert und nicht begrenzt, also endlos, vielleicht auch unendlich. Es sind Farbräume, vielleicht auch Farbträume. Da sie nicht konkret sind, lassen sie Alles zu, die Phantasie des Betrachters darf sich frei bewegen, unbegrenzt und ungerichtet. So kann vollkommene Freiheit aussehen. Man könnte schweben oder auch fliegen oder auch tauchen?
Fische lassen an das Meer denken und seine Möglichkeiten zu schwimmen, zu schweben und zu tauchen. So weit die Assoziation mit dem Meer. Doch neben diesen weiten ungegliederten Räumen gibt es auch Figurationen. Unten am Bildrand werden Golfspieler sichtbar, silhouettenhaft vom Grund abgehoben. Sie wirken wie mit der Schablone geschaffen, die umrisshaft Körper suggeriert. Rhythmisiert werden sie durch ihre Haltung mit dem Schläger und durch ihre Helldunkelformen. Was machen sie hier unten auf dem Meeresboden? Dazu tritt ein Mann, ebenfalls silhouettenhaft von rechts heran. Er wirkt geheimnisvoll wie in einem Krimi. Diese Menschen sind keine Meeresbewohner, sie bevölkern es, ohne in den naturgesetzlichen Zusammenhang integriert zu sein. Sie erscheinen hier wie in einem Traum. Die Naturgesetze bleiben unwirksam. Von Phantasie beflügelt, wird die Realität überwunden. So entsteht eine überwirkliche Welt, eine surreale Interpretation von Seinsmöglichkeiten. Seit André Breton und seinen Mitstreitern sind uns surreale Welten mit ihrer Auslotung des Unbewussten und Traumhaften geläufig geworden. So haben wir keine Schwierigkeiten mehr Fische und Menschen heterogener Lebensräume in einem Biotop vereint zu sehen.
Doch diese traumhaften Welten sind nicht ganz ungegliedert. Ein großes Rechteck schafft Zäsuren. Es trennt sehr scharflinig eine chromatische Sphäre von der anderen, freilich mit leichten Überlappungen und Durchdringungen. Startende Personen, der Randsphäre zugehörig, überschneiden mit ihren Gliedmaßen die mittlere Zone. In einem früheren Werk „Der Start” von 2006 sind diese jungen Männer sogar titelgebend und bleiben seltsam rätselhaft in dem Meeres-Ambiente. Sophie, die Künstlerin, hat es wohl darauf abgesehen, ihr Repertoire an Figuren und Mischwesen gelegentlich zu wiederholen und in einen neuen Zusammenhang zu stellen. So treffen wir einen Mann, ähnlich wie in der „Abendgesellschaft” bei dem Werk „Mann mit Hut” wieder. Er wirkt ebenso unheimlich und bedrohlich wie der Hai in der unteren linken Ecke mit seinem weit aufgerissenen Maul. Die narrativen Elemente mit ihrer Spannung und ihrer Story scheinen punktuell zu überwiegen. Doch weit größeren Raum nimmt darüber die Chromatik der schwarzen und blauen Formationen ein. Hier kontrastiert die surreale Narration mit Elementen des Informel, spielerisch und undogmatisch. Ergänzend zu diesen rein formalen Aspekten treten ganz links konstruktive Streifen. Sie betonen die kompositionellen Strukturen, die Sophies künstlerischen Ansatz wohl markieren - jenseits des Erzählerischen und Überwirklichen.


Dr. Horst G. Ludwig





Der Autor:
Dr. Horst G. Ludwig, ein Spezialist für die Malerei in München des 19. und 20. Jahrhunderts, ist seit 1970 mit zahlreichen Standartwerken zu diesem Thema hervorgetreten. Außerdem hat der promovierte Kunsthistoriker Ausstellungen zu diesen Epochen organisiert und arbeitet freiberuflich auch als kunsthistorischer Gutachter. 1997 erschien im Heinrich Hugendubel Verlag sein umfangreicher Band ”Vom Blauen Reiter zu Frisch gestrichen: Malerei in München im 20. Jahrhundert”.