Das ewige Wunder der Farbe Blau
Wie in SOPHIES Malkunst Blau neu gesetzt wird


Keine Farbe ist schwerer zu treffen als die Farbe Blau, gemäß der übereinstimmenden Einschätzung der großen Maler in der Kunstgeschichte. Zu den Malern der Moderne, denen es geglückt ist den gewünschten Blauton auf die Leinwand zu bringen – wir alle kennen die legendäre Intensität des Blau von Yves Klein – ist durch ihre jüngsten Arbeiten die in München lebende Malerin SOPHIE zu zählen. Wer vor dem 2- teiligen, 180 cm hohen und 400 cm breiten Ölgemälde "Schlaf und Nebel" von 2018 steht, kann ihren Umgang mit Farbe, vor allem eben mit der Farbe Blau, in diesem ganz außergewöhnlichen Werk bewundern.

"Schlaf und Nebel"
Die Künstlerin lässt subtilste Abstufungen heller und dunkler Farben sich auf der langgestreckten Leinwand entfalten und legt den Vordergrund der grünen, weißen, dunkelblauen, rosa und roten Farbtöne zu einer spannenden Symphonie eines Unterwasser –Farbfestes am unteren Rand des Bildgeschehens so an, dass in räumlicher Doppeldeutigkeit gleichzeitig eine Luft – und Wolkenlandschaft wie eine Unterwasserlandschaft auf die Bildfläche gezaubert werden. Diese außergewöhnliche Arbeit beschwört als eine einzigartige Hommage die Möglichkeiten der Malkunst, Natur im Raum zu erfinden. Solcher Umgang von hellstem ins dunkelste Blau lotet raffiniert die Kontraste aus, die der Malerei zur Verfügung stehen. Sie sind aufgelockert durch verhalten leuchtende Rot -, Grün-und Weiß-Einsprengsel, wie sie in der zeitgenössischen Malerei in solcher Souveränität und Qualität nicht so leicht zu finden sind. Da muss man sich schon die Virtuosität der Licht-und der Raummalerei von William Turner und von Casper David Friedrich vor Augen halten oder die raumschaffenden Deckengemälde von Giovanni Battista Tiepolo, um Vergleichsgrößen für SOPHIES so unzeitgemäße, jedoch in Anbetracht verloren gegangener Malpraktiken so dringend zu aktualisierenden Maßstäben einordnen zu können, wie es dieses Gemälde "Schlaf und Nebel" in seiner paradoxen Zeitgenossenschaft verdient.

Ein großer Wurf also in der sich ersichtlich in Opulenz und Kompositionskalkül ständig steigernden Bildsprache der Künstlerin. Die Motive der sich auf der gesamten Bildfläche verteilenden Haifisch-Silhouetten, in eleganter Bewegung als schwimmend oder navigierend dargestellt (je nachdem ob diese in den Elementen des Wassers oder der Luft gesehen werden), und die der Menschenfiguren, die auf einem unsichtbaren oder schwer auszumachenden festem Grund am Bildgeschehen teilnehmen, sowie die herbeizitierten pflanzlichen Urwaldrequisiten der Natur schaffen Kunsterlebnisse der besonderen Art: sich räumlich einprägend als Gerüste und als Halt in einer diffus strukturierten Bildfläche mit wenigen Anhaltspunkten. Die erwähnte Paradoxie in der Doppeldeutigkeit der Raumbeschaffenheit als Eleganz und Harmonie zu lesen und die potentielle Gefährlichkeit der anwesenden Haifische nicht unbemerkt zu lassen, lässt sich als ein Angebot auffassen in der Bildaussage Neues wahrzunehmen. Das Neue-und das macht SOPHIES Kunst so spannend für uns abgebrühte Bilderkonsumenten – fußt auf dem Alten. Doch sind neue Varianten erfunden, elektrisierend schön, eine Einladung sich in fremde und merkwürdig vertraute Welten aufzumachen, im optischen Vollzug der Bildaussage, und sich hoch-bzw. tief zu schwingen.

"Mann mit Hund"
Diese Studie in Blau schafft harte und weiche übergänge von Dunkel zu Hell, in denen die stereotypen Konturen der Haifische und der Menschen (hier im Bild Mensch mit Hund – als Abbreviatur eines zivilisatorischen Einverständnisses), der in Dunkelblau getauchten bedrohlichen Wand eines offensichtlich undefinierbaren Abgrunds entgegenstehen. Die seitlich linearen Stützen bieten dem Unbegrenzten freilich Einhalt. Die Faszination, die sich beim Betrachten einstellt, ist durch die Attraktion des geheimnisvoll dunklen Abgrundes – perfekt malerisch gestaltet – in der Konfrontation mit den Klischees einer blass schemenhaft geregelten Zivilisation auf die Spitze getrieben.

"Traum ohne Wiederkehr"
Die assoziative Kollision einer von oben herab sich auf den Betrachter ergießenden Unterwasserwelt, markiert durch die Schule der Haifische und eines knienden Mann, der sich auf einem Balken vorsichtig weiter tastet, mit dem Schiffsaufbau eines tief auf dem Grund des Meeres liegenden Wracks ist abgemildert im grenzenlosen übergang der Licht-Schatten-Kontraste von Vordergrund und Hintergrund. Das Bild ist ein Meisterwerk im Einstufen solcher Blautöne, die Wasser und Licht evozieren.

"An einem Freitag wie diesem"
Der Titel ist irritierend für diese Blau-Inszenierung einer von mystischen Dämpfen durchsetzten Urwaldansicht, in dem ein weidendes Tier schemenhaft unterhalb von vorbei ziehenden Haien auszumachen ist. In der rechten Bildhälfte mischt sich die Meeres-und die Landtierwelt in weißen und dunklen Silhouetten, die an einer Stelle fast aufeinander stoßen. Vertikale Strukturen holen in die Versunkenheit dieser Welt eine gebaute Vergangenheit ins Bildgeschehen hinein und verleihen ihm so apokalyptische Aspekte. Der Betrachter fragt sich: es war einmal – an einem Freitag, war das vor dem Untergang?

"Die Nacht, die Jagd, das Leuchten"
Der Kontrast zwischen dunklen organischen Massen und einem Lichteinfall aus weiter Ferne sind in diesem Bild zur ikonographischen Programmatik der Bilderwelt der Malerin verdichtet. Haie tummeln sich in ihren Elementen, Pflanzen sind bestenfalls zu erahnen als gegenständlicher Hinweis. Mit minimalen Mitteln und im Ausspielen der Hell – Dunkel – Kombinationen gelingt eine Vergegenwärtigung der seit den Sehnsuchtsprojektionen der die deutsche literarische Romantik mit ihren Allegorien der "Blaue Blume" beherrschenden Mythos der Farbe Blau.

"Der Tag, die Jagd, die Pflanzen"
An der Trennlinie zweier Sphären in der Bildmitte auf kleinen leuchtenden Inseln, umgeben von transparenten Grün-Schwarz-Abstufungen – Signale für Rasen und Hügel – beobachten wir ein sonderbares Ritual kleinster menschlicher Figuren beim Golfspiel. Sie haben eine unheimliche Ausstrahlung, da sie nicht zu bemerken scheinen, in welch mächtigem kosmischen Spiel sie sich bewegen, zwischen Himmel und Wasser auf einem Erden-Relikt angesiedelt, das sie zu absurd einsamen und in einem törichten Spiel gefangenen Wesen stempelt. Einzig die Haie verhalten sich konform ihres Elements und ziehen souverän ihre Bahnen am Grund des bepflanzten Meeres.

"Auflösung"
In die Weite des blauen Raums, durch von Menschenhand geschaffene Strukturen eingefasst, mit einem teilweise rechteckigen Rahmen, ragen organische Konglomerate aus grünen und rosaroten Ballungen vor der Staffage der Haifisch-Silhouetten. Bilden sie die Vorhut einer Materialverdichtung in dieser Ursuppe der Elemente oder deuten sie auf ihre Auflösung hin, wie der Titel dieses Werkes nahelegen könnte?

SOPHIES Surrealismus
Der Surrealismus in der Malerei der Moderne war darin höchst erfolgreich Tiere, Menschen und Bauten in einen grenzenlosen Raum zu versetzen. Pferdegespanne hoch in den Lüften, die "Nackte Leda" oder die Madonna von Port Lligat, beide 1949 von Salvador Dali geschaffen, vor einem sich im Unendlichen verlierenden Horizont, oder der berühmte im Raum schwebende "Christus des hl. Johannes am Kreuz" als Sicht von oben herab, erobern einen quasi stereoskopischen Raum. Die Mittel der Malerei werden experimentell ausgereizt und lappen über in wie durch Computersimulation hergestellt wirkende gerechnete Räume. In der italienischen und der deutschen Malerei tauchen solch merkwürdig geträumte Raumsimulationen zuletzt auf in Giorgio de Chiricos Werken um 1914 und bei Edgar Ende in der Linie der phantastischen und der visionären Ausleger, freilich in einer den französischen und den spanischen Surrealisten fremden Methode, Traumvisionen durch Meditation entstehen zu lassen und aufzuzeichnen. Da zeitgenössische Ansätze von surrealistischer Malerei bis auf den Wiener phantastischen Maler Rudolf Hausner (bei dem aber eher menschliche Figurationen und Portraits dominieren), als ernst zunehmende künstlerische Interventionen ausgeblieben sind, sehen wir in der Raummalerei von SOPHIE eine veritable Weiterentwicklung der deutschen Spielart des Surrealismus, besser gesagt: der deutschen phantastischen Malerei, die es sicherlich verdienen würde ausführlicher gewürdigt zu werden. Die Malerei von SOPHIE wirbelt nicht nur die Elemente und Sphären von Natur und Raum durcheinander. Sie spielt mit dem Schatz von Urbildern in unseren Köpfen und gibt dabei unverbrauchten Kombinationen von Farbe und Form ihre kreativen Impulse. Wir Betrachter erblicken sie zwar zum ersten Mal sehen, doch glauben wir sie wiederzuerkennen. Und so, wie man sich gegenwärtig im Berliner Jüdischen Museum den Parallel – Welten von James Turrell, dem großen Magier und des Lichts und sicher größten Lichtkünstler unserer Zeit, verschreiben kann, wenn man dort seine Installation "Aural" besichtigt als eine Feier der übergänge von Rosa zu Lila, von Violett und Grün zu Weiß und so dort neue Kosmen des Raums und der Zeit erleben kann, so nimmt uns SOPHIE in ihren außergewöhnlichen Bildern mit auf ihre Reise durch Zeit und Raum. Das wird möglich nicht etwa in Münchens Städtischer Galerie im Lenbachhaus, wo ja ebenfalls der Farbe Blau Ovationen bereitet sind – allen Blauen Reitern voran durch Wassily Kandinsky sondern an einem Ort, an dem seit vielen Jahrzehnten der Geist des Experimentierens in der Kunst beschworen wird, der Autoren Galerie 1, dank des unermüdlichen neugierigen Engagements ihres Leiters Helmut Vakily, profilierter Maler auch er und Lyriker. Bezeichnenderweise hat Vakily der Malerin SOPHIE die entscheidende Ausbildung zukommen lassen, so dass durch die Ausstellung mit SOPHIES jüngsten Werken in den Räumen der Autoren Galerie 1 sich Vernetzungen auftun - wie die zu Turrell – welche eine neue Frische in den Kunstbetrieb zu bringen versprechen.

Dr. Elmar Zorn, München 2018


Der Autor, geboren 1945, ist Publizist und Ausstellungskurator. Er studierte Kunst- und Literaturgeschichte in München und Rom, promovierte mit einem Stipendium der Studienstiftung, war lange im Kulturreferat München tätig, leitete die Wiener Festwochen und das Kunstprogramm der Bundesgartenschau 2001 in Potsdam, gründete das Netzwerk "Art in Nature" in Paris und Berlin, den "Münchner Klaviersommer", die "Société Imaginaire" in Buenos Aires und Washington sowie Sprecher der internationalen Arbeitsgemeinschaft "Curatorial Partners".


MEERESMETAMORPHOSEN

„Die endlose Weite der Meere steht für den Freiraum, die Geborgenheit und den Standpunkt des Künstlers, denn wir alle brauchen eine Rückzugsmöglichkeit, die im Einklang mit der Natur stehen sollte und nicht ohne sie.” (Sophie)

„Die endlose Weite der Meere” - in den Bildern von Sophie scheint sie visualisiert und veranschaulicht. Und doch irritieren die Titel wie „Abendgesellschaft” oder „Chauffeur und Golfspieler”. Die „Abendgesellschaft” lässt an eine Versammlung von Menschen in einem Interieur denken oder auch im Freien, nicht aber im Meer. Und auf dem Bild mit diesem Titel gibt es auch keine gesellige Versammlung. Schwarz und Blau dominieren die Komposition, mit Ölfarbe sehr sorgfältig getupft, die fast ohne Menschenhand aufgetragen zu sein scheint, so perfekt wird die Chromatik strukturiert.
Sie verläuft vom tiefen Schwarz bis hin zu Weiß über Blau in variablen Abstufungen. Dadurch ergeben sich Farbräume, nicht konturiert und nicht begrenzt, also endlos, vielleicht auch unendlich. Es sind Farbräume, vielleicht auch Farbträume. Da sie nicht konkret sind, lassen sie Alles zu, die Phantasie des Betrachters darf sich frei bewegen, unbegrenzt und ungerichtet. So kann vollkommene Freiheit aussehen. Man könnte schweben oder auch fliegen oder auch tauchen?
Fische lassen an das Meer denken und seine Möglichkeiten zu schwimmen, zu schweben und zu tauchen. So weit die Assoziation mit dem Meer. Doch neben diesen weiten ungegliederten Räumen gibt es auch Figurationen. Unten am Bildrand werden Golfspieler sichtbar, silhouettenhaft vom Grund abgehoben. Sie wirken wie mit der Schablone geschaffen, die umrisshaft Körper suggeriert. Rhythmisiert werden sie durch ihre Haltung mit dem Schläger und durch ihre Helldunkelformen. Was machen sie hier unten auf dem Meeresboden? Dazu tritt ein Mann, ebenfalls silhouettenhaft von rechts heran. Er wirkt geheimnisvoll wie in einem Krimi. Diese Menschen sind keine Meeresbewohner, sie bevölkern es, ohne in den naturgesetzlichen Zusammenhang integriert zu sein. Sie erscheinen hier wie in einem Traum. Die Naturgesetze bleiben unwirksam. Von Phantasie beflügelt, wird die Realität überwunden. So entsteht eine überwirkliche Welt, eine surreale Interpretation von Seinsmöglichkeiten. Seit André Breton und seinen Mitstreitern sind uns surreale Welten mit ihrer Auslotung des Unbewussten und Traumhaften geläufig geworden. So haben wir keine Schwierigkeiten mehr Fische und Menschen heterogener Lebensräume in einem Biotop vereint zu sehen.
Doch diese traumhaften Welten sind nicht ganz ungegliedert. Ein großes Rechteck schafft Zäsuren. Es trennt sehr scharflinig eine chromatische Sphäre von der anderen, freilich mit leichten Überlappungen und Durchdringungen. Startende Personen, der Randsphäre zugehörig, überschneiden mit ihren Gliedmaßen die mittlere Zone. In einem früheren Werk „Der Start” von 2006 sind diese jungen Männer sogar titelgebend und bleiben seltsam rätselhaft in dem Meeres-Ambiente. Sophie, die Künstlerin, hat es wohl darauf abgesehen, ihr Repertoire an Figuren und Mischwesen gelegentlich zu wiederholen und in einen neuen Zusammenhang zu stellen. So treffen wir einen Mann, ähnlich wie in der „Abendgesellschaft” bei dem Werk „Mann mit Hut” wieder. Er wirkt ebenso unheimlich und bedrohlich wie der Hai in der unteren linken Ecke mit seinem weit aufgerissenen Maul. Die narrativen Elemente mit ihrer Spannung und ihrer Story scheinen punktuell zu überwiegen. Doch weit größeren Raum nimmt darüber die Chromatik der schwarzen und blauen Formationen ein. Hier kontrastiert die surreale Narration mit Elementen des Informel, spielerisch und undogmatisch. Ergänzend zu diesen rein formalen Aspekten treten ganz links konstruktive Streifen. Sie betonen die kompositionellen Strukturen, die Sophies künstlerischen Ansatz wohl markieren - jenseits des Erzählerischen und Überwirklichen.


Dr. Horst G. Ludwig





Der Autor:
Dr. Horst G. Ludwig, ein Spezialist für die Malerei in München des 19. und 20. Jahrhunderts, ist seit 1970 mit zahlreichen Standartwerken zu diesem Thema hervorgetreten. Außerdem hat der promovierte Kunsthistoriker Ausstellungen zu diesen Epochen organisiert und arbeitet freiberuflich auch als kunsthistorischer Gutachter. 1997 erschien im Heinrich Hugendubel Verlag sein umfangreicher Band ”Vom Blauen Reiter zu Frisch gestrichen: Malerei in München im 20. Jahrhundert”.